Text/Rezension

Text zur Ausstellung Welt und Wirklichkeit
Vera Zahnhausen, Kunsthistorikerin, Malerin

„Etwas geschieht, wenn [mit] einem bestimmten Gehirnzustand ein bestimmtes „Bewusstsein“ korrespondiert. Eine wirkliche Einsicht in dessen Wesen wäre die wissenschaftliche Leistung, vor der alle vergangenen wissenschaftlichen Leistungen verblassen würden.“

Dieses Zitat des Wissenschaftlers William James, stellt Anabel Jujol ihren Arbeiten wie eine Art Leitmotiv voran.

William James, der Ende des 19. Jahrhunderts als Professor in Harvard Psychologie und gleichzeitig Philosophie lehrte, verband damit zwei verschiedene Wissenschaften. Heute beansprucht die Neurowissenschaft Deutungshoheit für viele Fragen, die sonst den oben genannten Disziplinen vorbehalten waren: Der Zusammenhang von Wahrnehmung und Bewusstsein und die Grenzen des menschlichen freien Willens sind dabei wichtige Schlüsselbegriffe.

Neue Methoden, vor allem bildgebende Verfahren, dienen der Beweisführung, wenn es darum geht, komplexe Themen wie das Gedächtnis, soziales Verhalten oder die Gefühlswelt als Hirnprozesse zu beschreiben und zu entschlüsseln.

Dieses Thema hat Anabel Jujol so fasziniert, dass sie sich auch in ihrer Malerei mit diesen Entwicklungen auseinandersetzt. Was sind die bestimmenden Strukturen, die unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit begründen? Wie verhält sich Wissen zur Wahrnehmung? Was begründet schließlich unser Bild von der Welt und der Wirklichkeit? (Titel der Ausstellung).Welche Beweiskraft können Bilder haben? Und in wie weit können Bilder komplexe und unbegreifliche Zusammenhänge in Gänze oder in Teilen darstellen.

Auf der Suche nach Antworten schafft Anabel Jujol: eine Verbindung von Wissenschaft und Kunst und geht damit ungewöhnliche Wege: sie versucht mit den Mitteln der Malerei, naturwissenschaftliche Vorgänge, chemische Prozesse im Gehirn zu imaginieren. Dabei erarbeitet sie ihre Bilder eigenständig, ohne Rückgriff auf Vorlagen und kommt damit zu einem „abstrakten Illusionismus. Sie bildet ihre eigenen Vorstellungen und Visionen davon ab, wie solche Prozesse aussehen könnten, wenn wir sie denn mit bloßem Auge erfassen könnten: “Malerei als bildgebendes Verfahren“.

Dabei spielt Anabel Jujol auch mit dem Verhältnis von Realität und Fiktion. Sobald der Entstehungshintergrund ihrer Malerei offengelegt wird – also ihre Beschäftigung mit Forschung und wissenschaftlicher Theorie, suggerieren ihre Bilder unweigerlich einen ebenso wissenschaftlichen Anspruch. Ihr bloßes Vorhandensein verleiht ihnen schon die Aura der wissenschaftlichen Beweiskraft, die Jujol selbst ihnen aber gar nicht zugesteht. Sie zielt vielmehr darauf ab, dass hier die Illusion einer wissenschaftlichen Darstellung vermittelt wird. Das Maß der Beweiskraft der Malereien entsteht im wahrsten Sinne im Auge des Betrachters und verändert sich mit seiner Wahrnehmung und seiner Einstellung den Bildern gegenüber. Und dieses Spiel mit der Illusion, das die Künstlerin als ein Hauptmotiv ihrer Arbeiten benennt, zeigt sich auch im Titel der Arbeiten. Anabel Jujol begreift Ihre Arbeiten alle als Teil einer Serie mit dem Namen: Intravision Ein Begriff der durch seinen lateinischen Ursprung wissenschaftlich anmutet und zugleich Assoziationen zu Einsichten und Innenansichten weckt. Alle Bilder sind mit zwar Nummern und Buchstabencodes betitelt, doch insgesamt mit diesem Oberbegriff benannt. Die einzelnen Ausstellungen laufen alle unter diesem Oberbegriff ergänzt um die aktuelle Jahreszahl und eventuell einem Untertitel. „Imatges simulades“ lautet er für diese Ausstellung und weckt Assoziationen künstlicher Welten in Computersimulationen.
Die in dieser Ausstellung präsentierte Malerei ist zwischen 2009 bis 2010 entstanden. Dabei zeigt sich sehr eindrucksvoll, wie Anabel Jujol Ihre abstrakte Malerei weiter entwickelt, ohne das Thema zu verlassen. Waren frühere Arbeiten noch oft von einer lebhaften Farbigkeit geprägt, ist die Farbgebung ihrer Malereien ab 2009 eher reduziert. Häufig herrschen in den Bildern Schwarz und Weiß und zahlreiche unterschiedliche Grautöne vor. Durch diese Reduktion der Farben hat ihre Malerei eine große Klarheit und Ausdruckstärke gewonnen. Die Künstlerin konzentriert ihre Malerei auf einen wesentlichen Kern, den sie konsequent verfolgt.
Bei den neuesten Arbeiten spielt die Farbe wieder eine größere Rolle. Sie wird bewusst und dezent eingesetzt, bleibt dabei künstlich in der Anmutung und unterstützt den Eindruck von Licht und Schatten im Bild.

Durch starke Hell-‐Dunkel‐Kontraste entsteht in vielen ihrer Bilder eine große Räumlichkeit. Als Betrachter scheint man sich oft in einer nicht enden wollenden Tiefe zu verlieren. Diese Tiefe erinnert an die Tiefe des Universums, das sich dunkel und geheimnisvoll vor den Menschen auftut. Und dieser Vergleich ist durchaus naheliegend, denn wie das kosmische All ist auch das menschliche Bewusstsein ein eigenes Universum – mit Tiefen und Verbindungen, die wir Menschen vermutlich nie ganz erfassen können werden.

In vielen ihrer Bilder sehen wir verwischte weite Flächen, die durchzogen und überlagert sind von einem Gewirr von Fäden, Schnüren oder Linien, es entstehen hier Verästelungen und Verzweigungen. Dann wieder bündeln sich die Linien zu merkwürdigen amorphen Gebilden ‐ um sich wieder auflösen in weiteren, neuen Verästelungen und Vernetzungen. So entsteht ein System, das sich unendlich fortzusetzen und sich weit über den Bildrand hinaus auszudehnen scheint. Wir erblicken einen kleinen Ausschnitt einer komplexen Welt die anscheinend unmöglich als Ganzes zu erfassen ist. In einigen Bildern sind kleine Stücke der weißen Leinwand zu sehen, die nicht übermalt wurden und so hervorblitzen aus den sich überlagernden Flächen und Linien – wie ein Gedankenblitz, der manchmal in uns kurz aufscheint und dann gleich wieder vom Strom der Wahrnehmungen überlagert wird. Flüchtigkeit und Bewegung sind wichtige Attribute, die damit dargestellt werden.

Anabel Jujol hat in den letzten 2 Jahren eine ganz eigene Technik für ihre Malerei entwickelt. Sie verwendet Ölfarbe, die durch den Einsatz von Terpentin stark verdünnt wird. In die als dünne Lasuren angelegten Flächen arbeitet sie dann wiederum mit Terpentin hinein. Es entstehen auf diese Weise Aussparungen und Linien, die zum Teil verwischt und dann wieder übermalt werden. So bilden sich zahlreiche Überlagerungen und Vernetzungen heraus und eine große Bildtiefe entsteht. Dabei muss die Künstlerin sehr spontan und mit einer großen Präsens agieren, denn zum einen verändert der Einsatz von Terpentin sehr schnell eine Farbfläche, und zum anderen setzt ein rascher Trocknungsprozess ein.
Die Arbeiten Anabel Jujols entstehen also in einem spontanen, schnellen Schaffensprozess, der eine hohe Konzentration erfordert.

Diese große Konzentration auf den Augenblick ist in ihren Arbeiten eingefangen und für den Betrachter zu spüren.

Vera Zahnhausen, November 2010

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